Besteck-Armada

Mein Mutter starb im Oktober 2009. Mehr oder weniger überraschend für uns alle. Aber es war auf keinen Fall so, dass ich damit nicht gerechnet hatte; nur eben nicht so schnell.
Es ist erschütternd mit anzusehen, wie der Raubbau am eigenen Körper – in körperlicher wie seelischer Hinsicht – einen Menschen zerstören kann. Alkohol, Zigaretten, schlechte Ernährung und kein Sport enden zwangsläufig in einer Sackgasse. Fehlt es dann noch an Zufriedenheit, dem Gefühl von persönlicher Freiheit und dem Empfinden sich am richtigen Platz zu befinden…es wird niemandem schwer fallen es sich auszumalen.

Nach Beerdigung, Formalitäten und dem sich klar werden über die neue Situation stand etwas an, vor dem ich nicht wusste, wie ich mich dabei fühlen würde – die Haushaltsauflösung meiner Mutter. Im Grunde würde ich ihr gesammeltes Leben nach mehr als 60 Jahren in den Händen halten.
Was würde ich behalten wollen und müssen? Was hatte für meine Mutter eine Bedeutung; was für mich? Das Erschütternde war keineswegs, die persönlichen Gegenstände durchzuschauen und mit Erinnerungen konfrontiert zu sein.
Was mich am meisten deprimiert hat war die Ansammlung von Zeug, mit dem meine Mutter ihr Leben vollgestopft hatte. Die wichtigen Dinge im Leben blieben auf der Strecke: Familie, Freunde, Hobbys, Selbstverwirklichung. Und wurden einfach ersetzt durch ein vermeintliches Glücksgefühl, ausgelöst durch Konsum und Besitz. Was natürlich überhaupt nicht funktioniert hat.

Ich habe tatsächlich 4 verschiedene, komplette Bestecksets eingesammelt. Und mich dadurch an Diskussionen mit meiner Mutter erinnert, warum diese exisitieren.
Es gab ein Besteck für den Alltagsgebrauch. Billig, aus Plastik und Blech – sozusagen zu eigenen Verwendung (1). Dann gab es ein gutes Besteck für die Gäste (2). In einer Schublade im Schrank wurde dann das Service für Weinachten und Geburtstage aufbewahrt (3/Silber/in einer Schatulle!). Und zum krönenden Abschluss gab es noch das heilige Edelservice aus grauer Vorzeit (4) – Silber und Gold, in einem Aktenkoffer-Monster, mit Samt ausgeschlagen – in 40 Jahren noch nie benutzt.

Wie kann man sich damit belasten? Ernsthaft! Wann benutze ich für wen welches Set? Ist es angemessen? Abgesehen von dem Platz, der dafür verschwendet wird und dem Irrsinn, dass eine alleinstehende Frau etwa 200 Teile an Besteck besitzt, stellt sich die Frage:

Warum nicht ein tolles Besteck benutzen und sich daran erfreuen. Egal, ob für das Frühstück alleine oder für die Gäste, die kommen. Warum sich selbst nur das billige Blechzeugs benutzen lassen und sich die Freude nehmen, mit dem 400.- € WMF Zeugs zu essen. eine absurde Art der Selbstdegradierung.

Was hab ich noch gefunden: ein Steak-Messerset, dass mit Rechnung (300.- €) in einem Koffer vor sich hin gammelte. Ein Topfset (18 Teile/ mehrere hundert Euro), von dem nur 2 Töpfe in Gebrauch waren…….und ich bin immer noch nur in der Küche! Es gibt leider noch viel mehr aufzuzählen.

Was will ich Euch damit sagen? Erfreut Euch an den schönen Dingen im Leben. Nehmt das Sonntagsbesteck. Vergesst die Idee des Zweit- und Drittsets. Mehr bedeutet nicht besser!

loeffel

 

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